Publikation

'Dämmerstunde'

Autor: Fritz Deppert
Veröffentlichung: 2025
GHL-Nr.: 136

Zum Inhalt

Die Stunde zwischen Tag und Nacht ist die Zeit des Erinnerns.
Der Erzähler blickt auf sein Leben und setzt es in Beziehung zu den Weltereignissen, die es begleiteten und bestimmten – vom Aufwachsen in der braunen Diktatur über die bitteren Erfahrungen der Nachkriegsjahre bis in die Gegenwart.

Einen „Zeitzeugenroman“ hat Fritz Deppert sein neues Buch genannt, in dem es nicht nur um das Erinnerte geht, sondern auch um das Erinnern selbst und um das Verhältnis von Innen- und Außenwelt. Dabei gelangt der Darmstädter Autor zu einer besonderen Form der Selbsterkundung und zu einer Perspektive, die distanzierte Betrachtung und Nähe verbindet: Wenn auch die eigene Geschichte den Ausgangspunkt bildet, weist Depperts Roman über sie hinaus.

Leseprobe

" In der Stunde zwischen Tag und Nacht, wenn der Tag stehen bleibt und darauf wartet, von der Dunkelheit Stück für Stück, zuerst auf den Gehwegen und in den Büschen der Vorgärten, dann die Häuserwände hoch bis über die Dächer und Schornsteine aufgefressen zu werden, weil ihm das vorbestimmt ist, begreift Lucas, wer er ist und in welcher Welt er lebt.

Er sitzt dann in seinem Abendsessel und beobachtet durch das Fenster die sich ausbreitende Grauzone zwischen dem mehr oder weniger blauen Himmel und der nachtschwarzen Straßenschlucht, wie sie Minute für Minute alle Färbungen, auch das Grau verliert. Da allenfalls ein Mond, der zufällig dort steht, wo er hinsehen kann, oder eine Laterne mit ihrem schwachen gelben Lichtkegel dagegen zu halten versucht, wirkt die Welt vor dem Fenster, als sei sie eine tiefschwarze Scheibe ohne die dritte Dimension, von der er in diesen Momenten nicht mehr weiß, ob sie noch existiert. Sterne kann er schon seit Jahren nicht mehr sehen, sie scheinen in den Ausdünstungen der Erde erstickt worden zu sein.

Schließlich kriecht die Finsternis auch in das Zimmer und löscht die Wände und die Gegenstände und reduziert ihn auf seine Hände. Gibt es das Buch noch, das er gelesen hat, gibt es noch den Tisch, die Stühle? Die Rotweinflasche neben dem Sessel kann er fühlen, schwieriger ist es, das Glas zu ertasten und zu trinken, ohne etwas zu verschütten. Wenn er unsicher wird, lässt er es stehen, bis er, wie meist, nachdem die Herrschaft der Dunkelheit vollendet ist, die Stehlampe einschaltet, deren Schalter er ebenfalls ertasten kann, weil er weiß, wo er sich befindet.

Solange er das Licht ohne den Strom lässt, der ihm, Lucas, die Macht gibt, Helligkeit zumindest in dem Raum zu produzieren, in dem er sich aufhält, erinnert er sich an sein Leben und an das, was es manchmal mehr und manchmal weniger eindringlich oder gar dominierend umgibt, und hat den Eindruck, als durchschaue er vieles, wenn auch nicht alles, wie er sich selbst zugeben muss, was ihm in der gelebten Zeit verborgen oder unverstanden geblieben ist.

Er sieht sich, das Kind zuerst, da er versucht, chronologisch vorzugehen und in der Nacht darauf allenfalls Korrekturen anzubringen, aber den Faden dort wieder aufzunehmen, wo er ihn hat mit dem Entzünden der Lampe fallen lassen. Ein Schwarzweiß-Film. Ein Stummfilm obendrein, in dem nur dann und wann die Stimmen der Eltern auftauchen oder die Schreistimmen, die ihn wenige Jahre nach seiner Geburt täglich begleiteten. Farbe und Ton kommt erst nach der Nacht in seine Erinnerungen, die sein Leben umkrempelte. Doch bis dahin sind es noch einige Dämmerstunden. (...) "
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